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Vor zwei Tagen wurde ein Aufruf gegen Überwachung von 562 internationalen Schriftstellern veröffentlicht, intiiert von Juli Zeh und Ilija Trojanow:

Petition der 562 internationalen Schriftsteller

Unter anderem lautete ihr Aufruf:

WIR FORDERN DAHER, dass jede/r Bürger/in das Recht haben muss mitzuentscheiden, in welchem Ausmaß seine persönlichen Daten gesammelt, gespeichert und verarbeitet werden und von wem; dass er das Recht hat, zu erfahren, wo und zu welchem Zweck seine Daten gesammelt werden; und dass er sie löschen lassen kann, falls sie illegal gesammelt und gespeichert wurden. 

WIR RUFEN ALLE STAATEN UND KONZERNE AUF, diese Rechte zu respektieren. 

WIR RUFEN ALLE BÜRGER/INNEN AUF,  diese Rechte zu verteidigen.

WIR RUFEN DIE VEREINTEN NATIONEN AUF, die zentrale Bedeutung der Bürgerechte im digitalen Zeitalter anzuerkennen und eine verbindliche Internationale Konvention der digitalen Rechte zu verabschieden. 

WIR RUFEN ALLE REGIERUNGEN AUF, diese Konvention anzuerkennen und einzuhalten.

Prinzipiell finde ich es erst einmal genial, dass etwas passiert bezüglich der Datenspäh-Affäre. Durch den Aufruf, der durch einige Medien gegangen ist, wird es (hoffentlich) wieder präsenter in den Köpfen der Gesellschaft. Auch finde ich es toll, dass die Aktion international ist. Namen wie Umberto Eco, Henning Mankell, Alex Capus, T.C. Boyle, Ian McEwan, Artur Becker, Don deLillo sind zum Beispiel mir ein Begriff und erregen natürlich Interesse. Natürlich auch die 5 Nobelpreisträger unter den Unterzeichnern, z.B. auch Günter Grass.

Doch es gibt unter denen, die die NSA-Äffäre verfolgen, sich Gedanken um Überwachungsstaat machen, viele negative Reaktionen: zu naiv, zu wenig gefordert, bringt doch nichts, etc

Ich denke nicht, dass der Aufruf naiv ist. Juli Zeh und co. wissen garantiert, dass dieser Aufruf höchstens sehr wenig bringen wird. Der Aufruf wird keine Frau Merkel dazu bringen, sich auf einmal damit zu befassen und die Vorratsdatenspeicherung doch nicht anzupeilen, er wird keinen Geheimdienst vom Datendiebstahl abhalten, keine Regierung dazu bringen, umzudenken. Nein, das ist alles eher unwahrscheinlich. Aber wenigsten TUT Juli Zeh etwas und eine solche Aktion auf die Beine zu stellen zeigt eben auch den Bürgern, die sich Gedanken um dieses Thema machen, dass jemand sich äußert, dass es Menschen gibt, die gegen Überwachung kämpfen wollen. Der Aufruf soll aufwecken, gerade auch die Gesellschaft. Er soll ermutigen.

Natürlich darf man sich jetzt nicht zurücklehnen und sagen: Ach, toll, es gibt also Leute, die etwas tun, da muss ich ja nichts machen. Nein, das ist nicht die Reaktion die Juli Zeh im Sinn hatte, was aber aus negativen Reaktionen herausklingt. Nein, der Aufruf ist nur ein kleiner Schritt, der ein kleines Zeichen setzen will.

Zu lange waren Schriftsteller, früher auch genannt die Intellektuellen, nicht mehr präsent in wichtigen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Früher haben sich Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt und Albert Camus oder Physiker wie Carl F. von Weizsäcker über aktuelle Themen geäußert, weil sie es als ihre Pflicht ansahen! Das ist so ziemlich verloren gegangen. Als Anhängerin von Literatur und vor allem gesellschaftskritischer Literatur ist für mich dieser Aufruf wie auch der offene Brief an die Kanzlerin im Juli ein gutes Zeichen, nämlich, dass sich Schriftsteller wieder um ihrer „Pflicht“ kümmern, sich wieder äußern.

Natürlich sind die Forderungen nicht durchsetzbar und wenn doch, würden sie nicht eingehalten werden. Trotzdem ist diese Forderung wichtig! Seit wann soll man nicht versuchen, was keinen Zweck hat? Zeigt es nicht viel eher Größe statt Naivität, wenn man es doch versucht? Und ist es nicht gut in einer solchen Zeit noch Hoffnung bewahren zu können?

Und dass sich die Schriftsteller der Schrift bedienen und ihre Hoffnung in die Schrift setzen, ist ihnen wohl kaum vorzuwerfen. Natürlich bedarf es mehr an Widerstand. Aber gab es den? Wird es ihn geben ohne Aktionen wie diese? Wer hier sagt, das reicht nicht aus, muss selbst MEHR tun – ja auch ich.

Hierzu muss man aber noch sagen, eine Reaktion hat die Petition allerdings in Deutschland: Die Grünen nehmen den Apell der Schriftsteller in ihren Antrag auf.

„In den kommenden Jahren werden wir viele solcher zivilgesellschaftlicher Initiativen brauchen“, sagt Fraktionschefin Göring-Eckardt. „Nächste Woche bekommen wir eine Regierung, die sich nicht für Datenschutz interessiert“, so die Grünen-Politikerin. „Der beim Thema Digitalisierung sorglose Koalitionsvertrag zeigt dies ebenso wie der Einsatz für die Vorratsdatenspeicherung.“ – http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruene-bringen-schriftsteller-appell-in-bundestag-ein-a-938642.html

Der Aufruf kann also ein Schritt in die richtige Richtung, ein Zeichen sein. Und genau das ist meiner Meinung auch die Aufgabe der Intellektuellen.

Hier möchte ich mit einem Zitat von Albert Camus (den ich sehr verehre) schließen:

„Das Schreiben heute stellt eine Ehre dar, weil diese handlung verpflichtet, und zwar zu mehr als zum Schreiben: Insbesondere verpflichtet sie mich dazu, so wie ich war und nach besten Kräften all den Menschen, die die gleichen geschichtlichen Ereignisse erlebten, die uns gemeinsame Drangsal und Hoffnung tragen zu helfen“ – Nobelpreisrede in „Fragen unserer Zeit. Essays“ von Albert Camus S.201

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