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Wiesbaden, 19.05.2014:

Seit Wochen treffen sich Menschen an jedem Montag in mittlerweile circa 50 Städten. Von den Medien zu Anfang ignoriert und dann niedergemacht als Treffpunkt von Neo-Rechten, Esoterikern und Verschwörungstheoretikern.

Viele Menschen, die im Laufe der Ukraine-Krise beunruhigt sind durch die neu hervorgekramten Kalte-Kriegs-Parolen, die eskalierende Sanktionspolitik, die hetzerischen Überschriften in Medien (z.B. „Die gespenstische Invasion” Zeit online, 06.03.2014) mit Sorge verfolgen und sich fragen, was passiert hier gerade, wurden von den schlechten berichte der Medien über die Friedensmahnwachen abgeschreckt.
Denn es gibt viele Menschen, die sich Sorgen machen, die beunruhigt sind und Frieden wollen.
Doch die Medienberichte von Rechtsextremen Spinner auf den Montagsdemos hielten viele Menschen ab, dorthin zu gehen, obwohl die Friedensmahnwachen genau dafür sind, was viele Menschen jetzt fühlen.
Und ich gebe zu, mich hielt das zuerst auch ab. Gleichzeitig wurde mir aber auch erzählt, dass es gar nicht so ist, wie in den Medien berichtet wird.

Also habe ich mir gesagt, dann gucke ich mir das doch mal an – selbst ist die Frau. Nach der tendenziösen und hetzerischen Berichterstattung der Medien in der Ukraine-Krise kann man sich eben nicht mehr darauf verlassen, dass das stimmt, was berichtet wird.

Der Entschluss war spontan. Kurz in facebook geguckt, wann es anfängt. Auf die Uhr geschaut, Tasche geschnappt und in den Bus gestiegen.

Als ich ankommen am Bahnhofsvorplatz in Wiesbaden muss ich erst mal suchen, finde dann aber eine größere Gruppe, wo ein Mann mit Mikrofon moderiert. Ich stelle mich dazu und schaue mich um – ganz nach Vorurteil gedacht: nach Nazis sieht es hier definitiv nicht aus. Hier sitzen und stehen Menschen aus allen Altersgruppen, allen Berufen, Väter und Mütter mit Kind, usw.
Alles in allem sieht es nach einer sehr entspannten Versammlung aus, bei der jeder etwas beisteuern kann.

Der Mann mit dem Mikrofon – als Nicht-Journalistin habe ich nicht nach dem Namen gefragt – übergibt das Wort an Freiwillige, die sagen, was sie beunruhigt.
Da werden Themen angesprochen, wie die Überwachung (hier sprach z.B. ein junger Mann mit einem T-Shirt „Team Edward“), die natürlich in Wiesbaden durch die Nähe zum Stützpunkt genau besonders beunruhigt.

Aber auch Themen wie Demokratie: Leben wir noch in einer Demokratie? Ist ein System, in dem man Parteien wählen kann, „die schon korrupt sind oder auf dem Weg nach oben korrupt werden“ (so ein junger Herr), noch demokratische? Ein anderer Beitrag sagt noch einmal das gleiche: „Wir leben in der besten Demokratie, die man kaufen kann“. Man merkt, dass die Menschen hier sich Gedanken machen, aber vor allem Sorgen: Wenn Lobbyismus und Geld die Politik bestimmten, was ist dann mit uns – den Wählern?
Auch die Frage, ob Demokratie überhaupt funktionieren kann, kommt auf. Eine Antwort war: Im kleinen Kreis auf jeden Fall. Aber in einer großen Gesellschaft wird es immer eine Art von Vertretung geben müssen.
Ein anderer spricht die Möglichkeit der Anarchie an, die im offiziellen Konsens eine negative Bedeutung hat, aber nur eines bedeutet: Herrschaftslosigkeit. Hier werden Impulse gegeben zum Nachdenken. Und die Redebeiträge gehen aufeinander ein, wie zum Beispiel der Herr, der auf den Ansatz der Anarchie erwidert: „Es ist gefährlich, Demokratie als etwas Schlechtes abzutun“.

Auch andere Themen kommen zu Sprache, so gelangt das Gespräch schnell von der Regierung zur GEZ. Eine Frau spricht mutig aus, was viele denken: Die Medien berichten nicht mehr die Wahrheit, sie manipulieren und viele Menschen informieren sich alternativ. Warum nicht einfach aufhören mit der Zahlung von GEZ? Ein Vorschlag, der mit Applaus aufgenommen wird, aber auch Nachfragen hinter sich zieht: Wie wollen wir das anstellen? Lösungen haben wir noch nicht parat.

Ich habe, um diesen Bericht zu schreiben, (dummerweise) mit einem kleinen Block dabeigestanden und mir ab und zu Sachen notiert. Die Frau mit dem Vorschlag der GEZ-Verweigerung hat mich dabei auch direkt angesprochen, da sie dachte, ich wäre von den Medien. Dabei war sie aber nicht beleidigend, nett aber bestimmt: „Es ist mir egal, ob Sie das aufschreiben.“

Daraufhin wurde mir das Mikro angeboten, und habe erst mal gesagt, dass ich nicht von den Medien komme und nur einen Erfahrungsbericht schreiben will, weil ich mir selbst ein Bild von den Montagsdemos machen möchte, was mit Applaus aufgenommen wurde. Trotzdem ich schäme mich ein bisschen, so journalistisch aufgetreten zu sein.
Dennoch: Auch als wohl viele gedacht haben, dass ich für ein Medium schreibe, wurde ich nett behandelt – und das von Menschen, die in der aktuellen Situation auch gerade die mediale Berichterstattung kritisieren – ein Zeichen, dass bei den Friedensmahnwachen Toleranz herrscht!

Es geht weiter mit Redebeiträgen, vorher singt aber noch ein Musiker ein – wie ich sagen würde „subversives“ Lied, d.h. ein Lied, das ausspricht, was alle denken, ein kritisches Lied über Medien, Parteien, etc. Auch das ist schön, Musik vereint.

Eine Frage, die von dem Moderator immer wieder gestellt wird: Warum bist du heute hier? Was bewegt dich?
Die Antworten sind meist:
Weil es hier um den Frieden geht.
Weil ich beunruhigt bin.
Weil in Deutschland wirklich etwas falsch läuft.
Weil ich kein Mitläufer sein will.
Weil ich gerne Lösungen finden würde.
Weil ich mir Sorgen um meine Kinder mache.

Aber auch auf Themen kommen wir wieder zu sprechen – mittlerweile habe ich meinen Notizblock weggepackt, um die Atmosphäre zu genießen: Sonne, Menschen, die dieselben Ängste haben, eine freundliche Stimmung, irgendwie familiär – wie zum Beispiel der Zinseszins, das Banksystem.
Hier stellt der Moderator fest, dass diese Themen wie Kritik an der FED (amerikan. Notenbank) vorsichtig zu sehen sind, da viele – gerade auch die Medien – kritisieren, dass auf den Montagsdemos Kreise sind, die antisemitische Kritik an der FED, Rockefeller und co. äußern. Aber das – und das merkt man auch – liegt dem Moderator wie auch den Versammelten fern.
Vergleich hierzu im Leitbild der Wiesbadener Friedensbewegung steht auch:

Von Organisationen oder Einzelpersonen, die einen Zusammenhang zwischen der FED oder anderen Finanzorganisationen und der religiösen und kulturellen Ausrichtung ihrer Funktionsträger und Mitarbeiter herstellen, distanzieren wir uns nachdrücklich.“
Eingefügt aus <http://www.montagsdemo-wiesbaden.de/leitbild/>

Kritik am Finanzsystem oder an deregulierten Finanzmärkten darf man aber natürlich äußern, denn nur weil ähnliche Kritik aus bestimmten Kreisen kommt, muss man aussprechen können, was stimmt – so der Moderator.

Er verweist auch auf das Leitbild der Friedenmahnwache in Wiesbaden – aber auch ohne diesen Hinweis merkt man, hier distanziert man sich von Neu-Rechten, von „Spinnern“, von antisemitischen Kritiken und Verschwörungstheorien. Werbung verteilen ist nicht erwünscht.

Ein Auszug aus dem Leitbild:

Unsere Überzeugungen beruhen unter anderem auf der Gleichwertigkeit aller Menschen und ihrem Recht auf Selbstbestimmung. Unser Welt- und Menschenbild ist frei von Abwertungen anderer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion und Kultur. Gewalt und Unterdrückung von Menschen lehnen wir auch im Zusammenhang mit religiösen und kulturellen Traditionen und Positionierungen ab. Wir werden alles im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu beitragen, dass auf unseren Veranstaltungen unsere Überzeugungen zum Ausdruck gebracht werden und Positionen wie zum Beispiel Antisemitismus, Rechtsradikalismus, Ausländerfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie weder eine Bühne bekommen noch anderweitig Unterstützung erfahren.“
Eingefügt aus <http://www.montagsdemo-wiesbaden.de/leitbild/>

Bezüglich der Ukraine Krise – der Auslöser der deutschlandweiten Mahnwachen für Frieden – sagen die Organisatoren im Leitbild:

Wir empfinden die betriebene Sanktions- und Eskalationspolitik als reale Bedrohung für ganz Europa und verurteilen das fehlende Engagement für intensive Verhandlungen“
Eingefügt aus <http://www.montagsdemo-wiesbaden.de/leitbild/>

Interessant ist, dass die Linke, die sich zunächst den Diffamierungen durch die Medien anschloss, nun in einem offenen Brief einiger Fraktionsmitglieder sagt:

Die Montagsmahnwachen haben vielerorts für eine klare Abgrenzung gegen Faschistinnen und Faschisten gesorgt. Deshalb rufen wir alle linken Kräfte und die klassische Friedensbewegung auf, vor Ort genau hinzuschauen und, wenn möglich, Kontakt, Debatte und Kooperation mit allen Leuten zu suchen, die sich ehrlich aus oben genannter, demokratischer Motivation an den Mahnwachen beteiligen.“ http://on.fb.me/1h3kH4u

Das bedeutet Wiesbaden wird nicht die einzige Friedensmahnwache sein, die sich abgrenzt von Extremismus und Leitbilder hat.
Die im Leitbild von Wiesbaden genannten Positionen und die angesprochenen Themen bei der Veranstaltung sprechen zurzeit immer mehr Menschen an, weil sie beunruhigt sind über die aktuelle Lage.

Hier geht es um den Austausch von ähnlich denkenden Leuten, die gleiche Ängste spüren.
Und genau das, macht diese freundliche Atmosphäre aus: Der Moderator steht auf keiner Bühne, er steht auch nicht vor der Versammlung, er geht herum, reicht das Mikro an jeden, der etwas sagen möchte. Es entwickeln sich Gespräche und Diskussionen, die Anreize zum Nachdenken geben und Mut machen, weil der ein oder andere genau das ausspricht, was man selber denkt.

Auch mehrere Passanten, die neugierig sind, gesellen sich zu uns und hören zu. Eine Frau hat Kreide dabei und ist so begeistert von unserer Gruppe, dass sie den Vorschlag macht, mit Kreide unsere wichtigsten Wünsche aufzuschreiben. Der Vorschlag wird begeistert aufgenommen und schon bald stehen in unserer Mitte Worte wie: Frieden, Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und mehr.

Ein schönes, entspanntes Miteinander, aufgelockert noch einmal durch ein Liedbeitrag.

Als ich im Zug nach Hause sitze, bin ich beschwingt. Ich fühle mich gut, weil ich weiß, ich bin nicht allein. Es gibt viele, die genau so denken wie ich. Und das Gefühl, ein kleines bisschen was getan zu haben – für den Frieden – stellt sich ein. Es ist wenig, aber andererseits ist ein öffentliches Bekenntnis zum Frieden ein Anfang.

Getreu einem Zitat auf der Homepage der Mahnwache in Wiesbaden (http://www.montagsdemo-wiesbaden.de):

An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur diejenigen schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ – Erich Kästner

Fazit: Ich bin froh, dass ich mich selbst überzeugt habe, und nicht mich habe abschrecken lassen von den Diffamierungen der Medien.
Ich kann sagen – leider nur für Wiesbaden, denn nur da war ich bisher – die Friedensmahnwache ist genau das: eine Mahnwache für den Frieden, für Gerechtigkeit und Freiheit. Sehr hohe Worte, aber Werte, die viele Menschen immer mehr bedroht sehen durch Medienhetze, durch Rüstungsexporte, Lobbyismus, durch Überwachung, etc.
Die Friedensmahnwache in Wiesbaden ist eine bunt gemischte Gruppe, in der jeder willkommen ist und jeder sagen kann, was er denkt, in der jedem zugehört wird.
Eine Veranstaltung, die darauf achtet, dass Werte eingehalten werden und die sich klar von extremistischen Ansichten distanziert.

Zum Schluss kann ich nur empfehlen: Wenn Sie auch diese Sorgen spüren, gehen Sie in die nächste Stadt und machen Sie sich ein eigenes Bild von den Montagsmahnwachen. Ich kann zwar nur für Wiesbaden sprechen, aber ich kann auch sagen, glauben Sie nicht alles, was die Medien schreiben, sondern überzeugen Sie sich selbst!
Es lohnt sich, denn Frieden ist etwas so Wichtiges, dass man dafür einstehen muss.

Wiesbaden: jeden Montag 18 Uhr, Bahnhofsvorplatz

 

Eine Anmerkung noch:
In Mainz fand am 19.Mai zum ersten Mal auch die Friedensmahnwache statt.
Ich werde auch diese nächste Woche testen und auch von Frankfurt berichten.
Eine Stichprobe von drei könnte dann schon wesentliche Aussagekraft besitzen, ob das, was die Medien so pauschal über Montagsdemos behaupten, wirklich wahr ist!

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